Die Ruhe vor dem Sturm: Winterkorn droht Verlust bürgerlicher Existenz

Wer Staatsanwaltschaften kennt, weiß: Die Ruhe ist meist die Ruhe vor dem Sturm. Das bedeutet: Nur weil man in Unternehmen oder im privaten Umfeld nicht viel von der Ermittlungsarbeit von Staatsanwälten hört, heißt das nicht, dass nichts geschieht.

Das war im Falle des sächsischen Internetkonzerns Unister (Unister GmbH, Unister Holding GmbH) so, als die Leipziger Zentrale sowie Dependancen unter anderem in Dresden, Paris, Jena oder Berlin im Dezember 2012 kurz vor Weihnachten mit rund 130 Ermittlern gestürmt wurde.

In Folge dieser Brachial-Razzia war der Internetstar und Unternehmer Thomas Wagner, damals 34, festgenommen worden.

Zu Unister, einem der einstmals erfolgreichsten deutschen Garagenstartups der vergangenen 20 Jahre, gehörten solch bekannte Portale wie ab-in-den-urlaub.de, fluege.de, preisvergleich.de, geld.de, beziehungsweise shopping.de, auto.de oder news.deIm Unternehmen arbeiteten in der Spitze bis zu 2200 Mitarbeiter.

„Auffällig verbissen bis narzisstisch“

Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht in Leipzig, dass der damals zuständige und als „auffällig verbissen bis narzisstisch“ (O-Ton Unister-Manager) geltende Staatsanwalt Andreas Günthel anlässlich von Wagners Verhaftung im Dezember 2012 zu diesem gesagt haben soll:

Wagner könne „jetzt mal Urlaub auf Staatskosten machen“. „Unten“ warte bereits ein „grünes Wägelchen“.

Zuvor soll Günthel die überschaubare Dachgeschosswohnung von Wagner in Leipzig Gohlis mit Kripobeamten rund 30 Minuten morgens durchsucht haben.

2016 war nach jahrelanger die Unister-Kräfte aufzehrender Ermittlungsarbeit durch die Dresdner Justiz Jungunternehmer Wagner ums Leben gekommenen. Bis heute gelten die Todesumstände als dubios und die Todesursache ist unklar.

Bekannt ist: Kurz vor seinem Tod hatte Wagner ein juristisches Papier von einem seiner Hausanwälte, Dr. Ingmar Werner, auflegen lassen, mit welchem Wagner das Land Sachsen auf über 43 Millionen Euro Schadenersatz hatte verklagen wollen (Dokument: UNISTER will 34 Mio. Schadenersatz von Sachsen).

Grund: Aus Sicht von Wagner an den Haaren herbeigezogene die Unister-Existenz gefährdende bewusst öffentlich inszenierte juristische Ermittlungen.

Im Falle von Unister zeichnete für die damals umstrittene – da aus Sicht von vielen als überzogen bezeichneten Staatsaktionen – die Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen verantwortlich. Sie ist auch als INES bekannt.

Die INES ist bei der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen in Dresden angesiedelt. Neben Staatsanwalt Günthel arbeitete der Dresdner Staatsanwalt Dirk Reuter (gez. Dr. Reuter) im gut fünfjährigen Unister-Verfahren.

Von Unister zu VW

Das langjährige Ermittlungsverfahren gegen Unister, welches mittlerweile beim BGH in Karlsruhe angesiedelt ist, erinnert in Zügen an das Verfahren gegen die Volkswagen AG und dessen Diesel-Betrugs-Affäre.

Denn jetzt wurde bekannt: Nach bald dreijähriger Ermittlungsarbeit, wo nur wenig an die Öffentlichkeit gedrungen war, machen plötzlich Schlagzeilen die Runde:

  • Die US-Behörden hätten einen Haftantrag gegen den ehemaligen angesehenen VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, 70, beantragt.
  • Und auch die zuständige Braunschweiger Staatsanwaltschaft beeilt sich mitzuteilen, man selber sei kurz vor Einlauf auf die Zielgerade.
  • Man habe sich, so die Staatsanwaltschaft, mit den US-Behörden bis zuletzt sehr gut verständigt und Erkenntnisse zum Dieselgate des VW-Konzerns ausgetauscht.

Zudem schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), Winterkorn könne im Falle einer wahrscheinlichen Anklage gegen ihn sein komplettes Vermögen verlieren, das auf über 100 Millionen Euro geschätzt werde. [1]

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) führ wiederum aus, es drohe Winterkorn gar möglicherweise der Verlust seiner bürgerlichen Existenz, da auch der VW-Konzern selber seinen einstigen überaus erfolgreichen CEO-Star möglicherweise mit höchsten ihn vernichtenden Schadenersatzforderungen konfrontieren könnte. [2]

Man kann wohl sagen: Die Ruhe vor dem Sturm für Martin Winterkorn, aber auch für den VW-Konzern selber.

Denn wirklich attraktiv sind Konzerne sicherlich nicht für Arbeitnehmer, die ihre eigenen Mitarbeiter über die Klinge springen lassen, die zuvor ihren Unternehmen über Jahre fette Milliarden-Gewinne ermöglichten. Womit sich sowieso die Frage stellt:

Wenn denn VW gegen den eigenen Vorstandschef vorgehen möchte, da dieser angeblich seine Aufsichtspflicht verletzt habe, was ist eigentlich mit dem gesamten verantwortlichen VW-Aufsichtsrat??? Denn die oberste Aufsichtspflicht liegt auch bei diesem.

„‚Verschwörung zur Täuschung der US-Behörden‘ – Winterkorn drohen 25 Jahre Haft“, von: „Guten Morgen Deutschland“, auf: YouTube vom 4. Mai 2018. 

Einzelnachweise

[1] Martin Winterkorn droht der Ruin, von GEORG MECK, RAINER HANK UND THOMAS GUTSCHKER, In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) vom 5. Mai 2017. Abgerufen am 6. Mai 2017.

[2] Winterkorn droht der Verlust seines Vermögens, In: sueddeutsche.de vom 6. Mai 2018.

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