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Samstag, 16. November 2019

Morsezeichen einer SPD Karteileiche – Ein halbsatirisches Selbstgespräch

Eine Hamburger belesene SPD-Karteileiche wettert gegen den Verfall der SPD an. Und das nicht nur bei Kaffee und Kuchen.
Bild: Pixabay License | Free
Eine Hamburger belesene SPD-Karteileiche wettert gegen den Verfall der SPD an. Und das nicht nur bei Kaffee und Kuchen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen des Geschriebenen fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

An dieser Stelle schreibt künftig regelmäßig ein langjähriges Hamburger SPD-Mitglied, von Beruf Diplom Psychologe, unter dem Pseudonym „SPD-Karteileiche“. Er wuchs die ersten sieben Lebensjahre in der Hamburger Nachkriegs Behelfssiedlung Waltershof direkt an der Elbe auf und zwar bis zur Hamburger Sturmflut 1962.

Die Siedlung bestand im Wesentlichen aus ehemaligen Schrebergarten-Häuschen. Die Siedlung war ab 1945 ausgebaut worden für die im Zweiten Weltkrieg ausgebombten Hamburger.

Es wohnten dort aber auch geschätzt Hunderte Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wie Ostpreußen (Königsberg) oder der ehemaligen deutschen Freien Hansestadt Danzig. Während Danzig heute zu Polen gehört, fiel die deutsche Stadt Königsberg nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion.

Die SPD-Karteileiche machte zunächst den damals üblichen Hauptschulabschluss, lernte von 1971 bis 1974 beim damals bekannten Hamburger technischen Kaufhaus Brinkmann Einzelhandelskaufmann und war ein Jahr Filialleiter bei Aldi. Danach ging er im Rahmen der damals noch obligatorischen Wehrpflicht 15 Monate zur Bundeswehr nach Neumünster (1975 bis 1976) und absolvierte anschließend in Hamburg auf dem Zweiten Bildungsweg das Fachabitur an der Fachhochschule Anckelmannstraße (1976 bis 1978).

Anschließend studierte er an der bekannten gewerkschaftsnahen Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) mit dem Abschluss Diplom Volkswirt (1979 bis 1981). Danach absolvierte er ebenfalls an der HWP das Aufbaustudium Sozialökonomie mit dem Abschluss Diplom Sozialökonom.

Im Anschluss folgte noch ein erfolgreich abgeschlossenes Psychologiestudium.

Hamburger Lokalpolitik Herzensangelegenheit der SPD-Karteileiche

Seit 1994 arbeitet er als Psychotherapeut. Doch trotz Psychologie und Therapeutenausbildung ist die Lokalpolitik in Hamburg, aber auch die SPD, immer noch eine Herzensangelegenheit. Auf Grund seiner zahlreichen beruflichen Herausforderungen war es ihm aber die vergangenen Jahre nicht möglich, sich in die Lokalpolitik einzubringen wie er es gerne gemacht hätte.

Als SPD-Karteileiche ist es ihm deshalb wichtig, sich hier auf steuerratschlag.eu regelmäßig zu Politik und Wirtschaft und „Vermischtes“ zu Wort zu melden. Die neue Kolumne heißt  deshalb „Speakers Corner“.

Folge Eins startet mit einer umfänglichen Befragung, warum die Karteileiche der Hamburger SPD überhaupt solange schwieg und warum sie sich nun regelmäßig zu Wort melden möchte:

Die erste Frage an die Hamburger Karteileiche lautet: Warum sind Sie eine SPD-Karteileiche und finden Sie es nicht befremdlich, sich nach so vielen Jahren öffentlich zu äußern, wo andere über Jahre oder Jahrzehnte sich in der zumindest lokalen Parteipolitik engagiert haben?

Antwort: Ich habe zwei Vollzeitberufe. Den des Psychotherapeuten und den in einem psychotherapeutischen Ausbildungszentrum. Leider ist da kein Platz mehr, wenn ich meine beiden Berufe ernst- und gewissenhaft ausüben möchte.

Aber Sie haben recht, es fällt mir schwer mich hier so und über die SPD zu äußern. Allerdings als ich jüngst hörte, dass die SPD in Meinungsumfragen in Bayern nur noch bei 6 % liegt, da hat es mich nicht mehr auf dem Stuhl gehalten.

Frage: und warum melden Sie sich zu Wort, jetzt nach so vielen ungesagten Jahren und waren sie immer nur Karteileiche?

A: Nein, in den Anfängen war ich sehr aktiv in Gewerkschaft und SPD. Ich war in dem Bezirk Barmbek Nord aktiv und kannte dort den späteren Bürgermeister Ortwin Runde, oder in der Gewerkschaft Wilma Simon, die später u.a. in Hamburg Finanzsenatorin wurde.  Ich bin heute 63 Jahre alt und wollte eigentlich mich insgesamt zur „Ruhe“ setzen.

Arnold Krause von der Gewerkschaft ist da mein Vorbild. Als er mit 65 in Rente ging war ich verblüfft, denn er war noch zu „100 % in Schuss“. Er sagte mir, er hält nichts davon, wenn alte Säcke zu lange in den Ämtern verbleiben und die junge Generation sollte nachrücken. Dieses ist auch heute noch für mich Leitbild.

Das demokratische Gefüge fängt an auszufransen

Allerdings zeigt der dramatische Verfall der großen Volkspartei SPD, dass das demokratische Gefüge an den Rändern wieder anfängt auszufransen. Das lässt mich nicht kalt. Von daher schicke ich Morsezeichen aus. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es Quatsch ist, was ich da gerade mache. Denn nach Arnolds Definition bin ich jetzt der alte Sack, der sich in seinen „Schrebergarten“ zurückziehen sollte.

Aber wie heißt es bei Pater Brown so schön: „Er kann es nicht lassen„.

Frager: Dann schildern sie doch einmal ihre Anfänge und warum sie in die SPD eingetreten sind?

Antworter: Als Jugendlicher war ich ein Kind der 1968er Zeit und ein Kind der Willy Brandt Jahre, die mich zuerst in die Gewerkschaft und dann in die SPD führten 1972. Es war eine Aufbruchzeit.

Eines der auch heute noch zitierten Leitsätze von Willy Brandt war „mehr Demokratie“ wagen.

Ich selber entstamme einer Arbeiterfamilie. Bis zu Beginn der 1970er Jahre hätte dieses für mich als ein junger Mann mit einem Hauptschulabschluss bedeutet: Ich erlerne irgendeinen Beruf, der nicht so komplex gewesen wäre. In diesem (un)glücklich Job hätte ich bis zu meiner Rente vielleicht bleiben können. Das wäre es dann aber auch gewesen mit meiner beruflichen Karriere.

Aber da waren ja die 1970er, die nicht nur mehr Demokratie wagten, zum Beispiel mit dem damals neuen Betriebsverfassungsgesetz oder dem Mitbestimmungsgesetz. Es war auch die Zeit in der Willy Brandt das Tor zu höheren Bildungsabschlüssen öffnete und somit auch zu höher qualifizierten Berufen und zwar auch und gerade auch für Arbeiterkinder, wie ich es war.

Glänzendsten Jahre der Sozialdemokratie

Für mich waren das mit die glänzendsten Jahre der Sozialdemokratie, weil nicht nur ich, sondern wahrscheinlich tausende Menschen wie ich es schafften sich aufzumachen zu einem höheren Bildungsabschluss. Aus diesem Grunde bin ich bis heute noch der SPD verbunden aus Dankbarkeit, was die damaligen Sozialdemokraten vollbrachten.

F: Sie waren aber nicht durchgehend in der SPD?

A: Nein. 1979 bin ich ausgetreten aus Protest wegen des Umgangs mit dem damaligen Hamburger Bürgermeister Hans Ulrich Klose. Dieser musste mehr oder weniger zurücktreten wegen des Atomkraftwerks Brokdorf. Er war nicht von diesem Atomkraftwerk überzeugt. Allerdings gab es damals Kräfte in der Hamburger SPD, welche den Atomkurs der Bundes-SPD wollten. Das hieß damals, mehr Atomkraftwerke für Deutschland. Unglaublich, aber so war das damals. 

Ich sympathisierte damals mit den neu gegründeten GRÜNEN, die sich unter anderem aus der Anti Atomkraftbewegung rekrutierten. Allerdings war es ein so bunter und amateurhafter Haufen mit zum Teil irrwitzigen Ideen und Forderungen, dass mir eigentlich nach vielen Jahren nur eine politische Heimat blieb. Das heißt, ich trat 1985 wieder in die SPD ein.

Einen Schritt, den ich zwar nie bereut habe, aber wie Sie sich sicherlich denken können, gab es viele Entwicklungen in der Partei, die mir nicht gefielen oder gefallen. Dennoch empfinde ich unter anderem auch aus Dankbarkeit für das, was die 1970er Jahre SPD für mich und andere ermöglichte, immer noch sehr viel Sympathie für eben diese Partei. Deshalb kann ich mir immer noch nicht vorstellen, einer anderen Partei beizutreten.

Kurios ist, dass ich, was meine derzeitige ökonomische Situation anbelangt, eigentlich eher die FDP wählen müsste (lacht). Und aus der Gewerkschaft müsste ich eigentlich austreten, weil ich heute im Kleinformat Arbeitgeber bin.

F: Dann vertritt die Gewerkschaft heute also Sie gegen sich selbst?

A: Ja (lacht)

F: Wie erklären Sie sich die Talfahrt der SPD bei der Wählerschaft?

A: Diese Entwicklung ist eine längerfristige und begann eigentlich schon Ende der 1970er Jahre. Der Ursprung der SPD ist die klassische Arbeiterschaft. Doch ist die klassische Arbeiterklasse auch auf Grund des Rückbaus der Industrieproduktion in Deutschland im Vergleich zu den 1950er Jahren deutlich geschrumpft.

Aktuell hat gerade die letzte Kohlenzeche in Deutschland ihre Tore geschlossen. Ich erinnere mich noch, als ich Anfang der 1980er bei den Jusos in Hamburg mitarbeitete. Damals sagte ein Bankkaufmann in die Runde, wonach schon damals die klassische Basis der SPD schrumpfe. Deshalb, bilanzierte er schon damals, müssten wir Genossen uns neuen Berufsgruppen öffnen und zwar auch für die Besserverdienenden, die eher in anderen Parteien, wie der FDP, zu Hause seien.

F: Sie wissen, wie diese Aussage einer gewissen Partei genutzt hat?

Ja! Der FDP ist nämlich die Aussage, man sei  die Partei der Besserverdienenden, schlecht bekommen.

Wir sahen zwar, dass der Bankkaufmann damals Recht hatte, dass die SPD sich dringend neue Wählerschichten erschließen muss. Aber die SPD als eine Partei für die Besserverdienenden, dass klang doch sehr befremdlich. Wir sagten damals unisono „Igitt“, die sollen schön in der FDP bleiben.

Aber das Dilemma blieb, die eine Seite schrumpfte und zur anderen sagten wir „Igitt“.

Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass eine Gesellschaft kein statisches System ist wie eine Pyramide, die auch nach 4000 Jahren aussieht wie zu der Zeit ihrer Erbauung, Nur mit einigen Abnutzungserscheinungen.

F: Aber es taten sich doch neue Felder für die SPD auf?

A: Genau, in dieser Zeit verpasste es die SPD sich ein neues Feld zu sichern, das sich gerade auftat, nämlich das Feld der Ökologie und des Umweltschutzes. Viel zu viele eingefleischte „Arbeiter“ in der SPD, vorneweg Helmut Schmidt, erkannten nicht, dass sich hier ein Feld auftat, das man sich hätte unbedingt sichern müssen.

Stattdessen kam es zur Gründung der GRÜNEN, die nach den üblichen Gründungswirren zu einer mittlerweile staatstragenden Partei sich gemausert hat. Damit gingen der SPD viele potentielle neue Parteimitglieder mit neuen Impulsen und neueN Wählerschaften verloren.

Ein Joschka Fischer hätte ohnehin besser in die SPD gepasst, als in die Grüne Partei, in der er von dem fundamentalistischen Flügel bis heute angefeindet wird. Man denke nur an den Farbbeutelwurf an seinen Kopf auf einem Grünen Parteitag.

„Spaltung der Linken nächster Verlust der Wählerschaft“

Der nächste Verlust an Wählerschaft und neuen Parteimitgliedern war die Spaltung  der „linken“ Kräfte in diesem Lande. Eigentlich hätte zumindest hier die SPD punkten können. Die linken Kräfte in Deutschland sind heute thematisch näher bei den bürgerlichen Parteien. Ob das so hilfreich ist, weiß ich nicht.

Die SPD und KPD in Weimar und die heutige SPD und die Linke sind sich in der Zielrichtung eigentlich sehr nahe, beziehungsweise nahe gewesen und müssten eigentlich schneller aufeinander zugehen, als auf andere Parteien.

Komischerweise passen heute SPD und CDU eher zusammen als SPD und Linke. So ganz kann ich es selber nicht verstehen.

F: Was verhinderte denn eine Bündelung linker Kräfte?

Schon in der Weimarer Republik lag es eher an konkreten Entwicklungen, die zum Teil auch mit persönlichen Animositäten zusammenhingen, was eine Bündelung beider Kräfte verhinderte.

Die heutige Spaltung beruht auch auf dem  machtpolitischen Konkurrenzverhältnis in der Zeit nach 1998 zwischen dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder und dem damaligen Parteivorsitzenden der SPD, Oskar Lafontaine, der auch für kurze Zeit Finanzminister im Kabinett Schröder war. Diese Konkurrenz trug erheblich zur Spaltung in SPD und Linke mit bei.

Kampf zwischen Schröder und Lafontaine trug erheblich zur Spaltung der SPD und Linke bei

Die alte PDS Partei wäre wohl schwach geblieben und nur stark im Osten geworden, wenn sie nicht mit Hilfe von Lafontaine und der WASG eine Frischzellenkur erfahren hätte.

Besonders die starken Berührungsängste zwischen der SPD und der Linken empfinde ich fast schon so tragisch wie verheerend, wie die in Weimar Republik zwischen SPD und KPD.

Vor allem Russlands Diktator Josef Stalin war es gewesen, der in der Sozialdemokratie einen größeren Feind sah als in den Nationalsozialisten. Er gab die Devise an die KPD nach Deutschland aus, die SPD mit allen Mitteln zu bekämpfen. Was die aus Moskau ferngesteuerte KPD auch tat.

Anstatt sich von Moskau zu lösen und das zu tun, was die französischen Kommunisten und Sozialisten taten. Beide bildeten in Frankreich in den 1930er Jahren eine Volksfrontregierung.

Ich möchte an dieser Stelle gleich betonen, dass die Zeiten für irgendeine wie auch immer geartete Volksfront(regierung) vorbei sind. Die Zusammensetzung der heutigen gesellschaftlichen Schichten unterscheidet sich zu denen in den 1920er und 1930er Jahren gravierend.

F: Was ist die Tragik der Weimarer Republik?

Hätten SPD und KPD in Weimar auch so etwas ähnliches wie eine Volksfront gebildet, wäre uns die Machtübernahme der Nationalsozialisten wahrscheinlich erspart geblieben. Zu dieser Einsicht kam auch Ernst Thälmann der KPD Führer in Weimar, der die SPD bis aufs Blut bekämpfte. Er soll im Nazi-Konzentrationslager kurz vor seinem Tod gesagt haben, dass es der größte Fehler gewesen sei dass in Weimar sich die beiden sozialistischen Parteien bekämpften.

Als es zur Etablierung der Linken kam, vorneweg auch durch Oskar Lafontaine, war ich innerlich erschüttert, dass genau das wieder eintrat, was schon in Weimar eintrat: Eine nur schwer überbrückbare Spaltung der sozialen politischen Kräfte in Deutschland.

Ich dachte, als damals Lafontaine aus der SPD austrat und er begann eine neue linke Kraft in Deutschland zu etablieren, dass ihm mit seiner Intelligenz und seinem historischen Wissen hätte klar sein müssen, was er damit beförderte: nämlich die Spaltung der linken Kräfte in Deutschland. Eine solche Spaltung hatte am Ende in Weimar Republik zur Machtergreifung der Nationalsozialisten geführt.

F: Das ist aber jetzt krasser Tobak von Ihnen. Sie wollen also Lafontaine für die gegenwärtige Situation die alleinige Schuld geben?

A: Nein, natürlich nicht. Aber er war damals eine zentrale Figur. Er wusste, wie man polarisiert. Leider war er nicht nur von der politischen Sache angetrieben, sondern auch von den inneren Verletzungen, welche unter anderem durch die Auseinandersetzung mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder geschehen waren. All das führte letztlich zum Ende der SPD wie ich sie kannte und über Jahrzehnte schätzte.

Ähnlich, wie die Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte, riss Lafontaine vom Rachegedanken getrieben die SPD mit in die Situation, in der sie sich aktuell befindet. Wo sie heute stünde, wenn er geblieben wäre, erfüllt nach Steinbrück den Tatbestand „Hätte, Hätte Fahrradkette“. Aber viele in der SPD hatten ihn auch herausgemobbt.

Man erinnere sich nur mal zurück: Die Troika aus Schröder, Rudolf Scharping und Lafontaine hatte es 1998 geschafft, Deutschland aus dem Muff der 16-jährigen Helmut Kohl Ära zu befreien. Und es war Lafontaine, der kurz nach der Machtergreifung der SPD vor den Auswirkungen einer ungezügelten Finanzwelt warnte und forderte, dass vor allem Hedgefonds, aber auch viele andere Hebelprodukte viel stärker staatlich geregelt werden müssten.

Das führte zu dramatischen Schlagzeilen gegen die SPD in Großbritannien. Diese Hysterie schwappte nach Deutschland über und viele Genossen ließen sich davon anstecken und wanderten bewusst oder unbewusst bei Finanzthemen ins rechte Lager ab.

Lafontaine wollte vor bald 20 Jahren Finanzhaie an die Kette legen

Nur zehn Jahre später sollte aber Lafontaine Recht behalten mit seinen Warnungen vor den ungezügelten Finanzmärkten! 2007, 2008, kollabierte das Weltfinanzsystem – auch wegen der Hedgefonds in den so hoch gelobten USA. Der Steuerzahler muss dafür bis heute mit Tausenden Milliarden Euro Steuergeldern bezahlen, die als Schutzschilder weltweit, auch in der EU, aufgelegt werden mussten. Stichwort: Euro, Griechenland, Zypern. Am Ende stand auch der Brexit.

Aber lassen Sie mich noch einen kleinen Rückblick machen, um aus Lafontaines Vorgehen für die Zukunft zu lernen.

F: Aber gerne doch!

Auch wenn damals also zwischen Oscar Lafontaine und Gerhard Schröder nichts mehr ging, so hätte Lafontaine, der ehemalige linke saarländische Ministerpräsident, doch in der SPD ganz vorne bleiben müssen.

Als SPD Vorsitzender hätte er Schröder durchaus Paroli bieten können wie seinerzeit Willy Brandt als Parteivorsitzender dem Kanzler Schmidt sehr oft Paroli bot vor allem in der Nachrüstungsdebatte. Wenn er geblieben wäre, wären unter anderem die Hartz 4 Reformen vielleicht anders ausgefallen.

Die ihm gewogenen Parteimitglieder hätten sagen sollen: „Oskar, das ist nicht der Moment auszutreten, sondern der Moment aufzutreten.“

Dieses tat er zwar, aber in einer neuen Gruppierung der WASG mit vielen merkwürdigen Gesellen. Damit hat er als ehemaliger Parteivorsitzender fatal an dem Niedergang der heutigen SPD beigetragen. Alles aus einer narzisstischen Gekränktheit heraus. Hier spricht der Psychotherapeut in mir.

F: Also Oskar ist an allem schuld und was ist mit Schröder und den Hartz IV Reformen, die Millionen Menschen in die Armut stürtzen?

A: Wie gesagt, er war nicht an allem schuld, aber er war einer, der maßgeblich mit die Büchse der Pandora öffnete und für die Spaltung der heutigen sozialen Kräfte in diesem Land sorgte. Also Alleinschuld hat meistens niemand. Aber eine bestimmte Richtung wurde durch ihn angestoßen. Oft haben einzelne Ereignisse einen maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung in der Welt.

Denken Sie nur an den frühen Tod von Friedrich Ebert. Wäre er nicht 1925 an einem Blinddarmdurchbruch gestorben, dann wäre Hindenburg nicht Reichspräsident geworden. Oder wenn nach Eberts Tod die KPD in der Stichwahl den SPD Kandidaten Müller unterstützt hätte, dann wäre er und nicht Hindenburg Reichspräsident geworden. Oft haben kleine Ereignisse eine große Wirkung.

F: Sie sind mir noch Schröder schuldig!

A: Ja, irgendwie schein ich ihm näher zu sein als Lafontaine. Beide sind wir unter schwierigen Nachkriegsbedingungen großgeworden. Schröder ließ selbst durchblicken, dass er und seine Familie nach dem Krieg unter ärmlichen Verhältnissen groß wurde, ähnlich wie ich im Nachkriegs-Armenviertel Hamburg Waltershof. Andere, denen es besser erging, blickten eher auf uns herab. Wikipedia bemerkte hierzu, dass Schröder selbst sagte, dass sie von anderen als asozial betrachtet wurden.

Sie sehen, die Diskriminierung findet nicht nur gegenüber Migranten statt, sondern auch gegenüber innergesellschaftlicher Migration, oder gegen Menschen denen es nicht so gut geht. Nach dem Krieg hat Deutschland seine Ostgebiete verloren und die aus dem Osten Geflohenen wohnten oftmals in Baracken Nachkriegssiedlungen und wurden als „Barackenscheißer“ verunglimpft.

Dieses hatte natürlich bei diesen Menschen oftmals eine erhebliche Selbstwertproblematik zur Folge.

Schröder hat eine Vorliebe für Brioni Anzügen. Mit denen ließ er sich im Hamburger Magazin STERN ablichten und dazu noch mit einer Cohiba Zigarre.

Ich lasse das dann mal so stehen. Aber wie Sie sich sicherlich denken können, habe ich als Psychotherapeut da so meine Gedanken dazu. (lacht)

F: Sie sind also überzeugt, dass das Verhältnis Schröder und Lafontaine und deren Konflikte der SPD nachhaltig geschadet hat bis heute.

A: Klar! Und wie! Beide repräsentierten den linken wie rechten Flügel der Partei. Als Lafontaine ging, die Leitfigur der Linken in der SPD,  schwächte es den linken Flügel enorm. Das führte dazu, dass Schröder seine Ideen im großen Stil durchsetzen konnte mit der berühmten „Basta“ Politik. Einer Politik, die zur SPD nie gepasst hat. Schließlich waren wir es, die die erste Rente in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzen.

Schröder hat mehr von seinen Zielen durchgesetzt, als vielleicht Kanzlerin Angela Merkel von der CDU. Sie geht immer betont sachlich mit den Problemen um und wurde nie offen persönlich. Sicherlich hatte sie auch ihre Mittel mit den Konkurrenten in der eigenen Partei umzugehen, was ihr ja auch den Namen der „schwarzen Witwe“ eintrug.

Nach dem Verlust des Kanzleramtes und der nun 3. Groko ist es der SPD zwar gelungen vieles von ihren Programmpunkten durchzusetzen. Aber komischerweise kommt der SPD das nicht zugute in den jeweiligen Wahlergebnissen.

Anscheinend gilt schon die Aussage, wonach der in einer Regierung führenden Partei Reformen zugutekommen, nicht aber dem kleineren Partner, selbst wenn dieser Partner SPD heißt. „Der Kanzler takes it all“ könnte man sagen in Erinnerung an einen Abba-Song.

Nach Schröder ist es keinem Kanzlerkandidaten gelungen, ein Bild von der SPD zu vermitteln, das die verloren gegangenen Wählerschichten wieder hätte zurückbringen können.

F: Ist die 3 Groko also Kassengift?

Klar! Die 3. Groko ist Kassengift. Auch wenn Juso-Chef Kevin Kühnert noch ein „Jungspunt“ ist, so lag er mit seiner Ahnung, dass das wohl ungut ist, richtig. Allerdings hat er noch nicht das nötige Alter, den beruflichen Abschluss und keine langjährige Politikerfahrung, als dass einer wie er es hätte reißen können. Doch war sein Auftreten für ihn schon einmal ein Achtungserfolg.

Was sich zumindest nicht günstig auf die SPD auswirkte auch wenn sie es nicht selber zu verantworten hatte war der schnelle Wechsel von Schröder zu Gazprom. Das haben ihm bestimmt einige übel genommen nach dem Motto: Von Brioni zu Gazprom und damit eine „lupenreine“ sozialdemokratische Karriere.

Auch wenn er sich auf der anderen Seite mit der Bierflasche in der Hand wieder sehr volksnah gab, blieben nach seinem Ende als Kanzler bei vielen Sozialdemokraten, ich sag mal, widersprüchliche Gefühle Gerhard Schröder gegenüber.

Es geht hier nicht um eine Frage des Neides bezüglich Brioni und Gazprom.

Aber es gilt, wenn ich Teil einer Bewegung bin, dann wird diese auch noch beeinflusst durch mein Verhalten auch wenn ich nicht mehr direkt für diese tätig bin. Für einen CDU-Kanzler Schröder wäre dieses nicht so problematisch gewesen, wie für einen SPD-Kanzler, der sich für die Interessen der sozial schwächeren Gruppen in diesem Lande einzusetzen hat.

F: Was könnte die SPD unternehmen, um Boden wieder zu gewinnen in den sich neu gebildeten gesellschaftlichen Feldern und wie kann sie die Spaltung der sozialen Kräfte in der heutigen Gesellschaft überwinden?

A: Als erstes muss die heutige Mannschaft sich darüber bewusst sein, dass sie sich auf der „Titanic“ befindet, die noch circa acht Stunden vom Zusammenprall mit dem Eisberg entfernt ist. Für jeden Sozialdemokraten und vor allem für die Parteiführung heißt das:

  1. Jegliches Eigeninteresse an Macht und Pöstchen hintenanzustellen. 
  2. Der Führungsmannschaft muss es gelingen, innerparteilich jeden in der Führung an den Platz zu stellen, an dem er für Partei und Gesellschaft am besten passen würde.
  3. Welche traditionellen Felder und Wählerschaften sind der Partei geblieben und welche Felder könnte sie neu besetzen. Das „Camp“, das die SPD kürzlich veranstaltete, war ein Anfang.
  4. Was liegt in der Macht der SPD, die Spaltung der sozialen Kräfte in Deutschland in SPD und die Linke zu überwinden.

Auf Seiten der Linken ist der Gedanke und Ansatz von Sarah Wagenknecht richtig, eine Sammlungsbewegung unterschiedlicher linker Kräfte zu schaffen.

Allerdings hat Sahra Wagenknecht hier eine intellektuelle Kopfgeburt gemacht, die fast nur auf Ihre Person zugeschnitten ist. Ohne sich vorab mit den Sozialdemokraten, den Gewerkschaften und anderen sozialen Kräften zu koordinieren, ist das Unternehmen wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Sie hat ja noch nicht einmal den Rückhalt in der eigenen Partei. Wie will sie da mit „Aufstehen“ nicht nur die Linke, sondern auch die anderen sozialen Kräfte des Landes in eine Bewegung bündeln. Auch Frau Wagenknecht empfehle ich erst einmal ein gute Psychotherapie, um vom eigenen Machtstreben wegzukommen, Auch bei ihr ist ein gehörige Portion Narzissmus im Spiel.

Dass sie sich auf einem schwierigen Pfad befand, hat sie selber eingesehen und sich nach ihrem „burn out“ begonnen aus den öffentlichen Ämtern zurückzuziehen. Eigentlich schade. Aber auch etwas selbst verursacht. 

F: Nun lassen sie mal den Psychotherapeuten weg. Hier geht es um die politische Zukunft unseres Landes. Oder können Sie uns wenigstens erklären, was es mit dem Narzissmus auf sich hat?

A: Sie haben Recht. Lassen wir das Psychologisieren. Aber da ich hier ja auch als Psychologe sitze, sei kurz Folgendes gesagt. Dieses gilt auch für alle Berufe, mit hohen Hierarchien: Je höher wir in den Etagen von Politik und Wirtschaft kommen, desto größer ist der prozentuale Anteil derer, die eine Selbstwertproblematik haben.

F: Interessante These. Warum ist das Ihrer Meinung nach so, verehrte Hamburger SPD-Karteileiche, wie Sie sich selber titulieren?

A: Ein Mensch mit einer Selbstwertproblematik redet sich zum Beispiel ein: „Ich bin zu klein, schwach, hilflos, verletzlich etc. und ich bin deshalb weniger Wert, als die anderen, die groß, stark und mächtig sind etc.“.

Wenn jemand diesen Stachel im Fleisch hat, dann ist dies zugleich ein Antrieb. Denn jeder versucht in der Regel eine solch als Schwäche empfundene Sache selbst zu kompensieren. Was bietet sich da mehr an, wie beruflicher Erfolg in Wirtschaft oder Politik. Und Macht zu haben, bietet immer eine Art Schutz vor Verletzungen.

Wenn dieser jemand dann auch  noch unter einer narzisstischen Störung leidet, die unterschiedlich stark sein kann von 1 % bis 100 %,  dann kann dieses brisant werden. Ein Narzisst leidet auch unter einer chronischen Selbstüberschätzung. Wenn dieses zusammenkommt mit einer Selbstwertproblematik, dann kann es aus Angst vor Selbstwertverlust und Machteinbußen zu fatalen Fehlentscheidungen kommen.

Wenn also jemand mit einer massiven Selbstwertproblematik ganz nach oben kommt, dann hat er sie kompensiert, aber nur so lange wie der Daumen nach oben zeigt und er oder sie Erfolg hat. In dem Moment, wo er oder sie erfolgloser wird oder ein Scheitern droht, droht auch der totale Absturz in die Selbstwertlosigkeit.

Dieses gilt es zu verhindern. Was bei diesen Menschen passiert und wie sehr sich Menschen mit dieser Problematik verrennen, kann man zum Beispiel beim langjährigen Schleswig Holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel von der CDU sehen. Auf der Flucht vor dem drohenden Wertverlust in den 1980er Jahren ließ er sich zu seiner „Ehrenwort“ Erklärung verleiten, obwohl im klar war, dass diese keine 24 Stunden haltbar war. Am Ende fand man ihn tot in Zürich in einer Hotel-Badewanne. Mord oder Selbstmord? Wir wissen es nicht.

F: Nun pathologisieren Sie wieder. Kommen wir zurück zur harten Politik.

A: Was Frau Wagenknecht betrifft, gilt auch für sie der Satz: „Es kommt nicht darauf an, was man sagt und macht, sondern wie man es sagt und macht.“

Die psychische Stimmungslage hat auf die politischen Entscheidungsprozesse einen erheblichen Einfluss.

Auch der von mir geschätzte Willy Brandt litt unter einer Selbstwertproblematik. Deshalb litt er sehr unter Depressionen. Nach seiner Wiederwahl 1972 war er krank und verbarrikadierte sich in seiner Wohnung und war für niemanden ansprechbar. Es war Horst Ehmke, der sich ans Herz fasste und mit einer Flasche Rotwein zu ihm fuhr, mit ihm redete und ihm dann ein Bündel von Schriftstücken vorlag, die es zu unterzeichnen galt.

F: Zurück zur Sache!

A: Ja, Sie haben Recht, aber die politischen Verhältnisse und die Entscheidungen, die zu treffen sind, verquicken sich schon sehr auch mit der psychischen Persönlichkeitsstruktur. Es ist ein Unterschied, ob zwei depressiv veranlagte Menschen miteinander reden, oder ein Maniker mit einem Menschen mit einer ängstlichen Persönlichkeitsstruktur. Aber lassen wir das und bleiben bei der guten alten Tante SPD.

Das von mir bisher aphoristisch Skizzierte zeigt, dass es schwer werden wird beide linken Kräfte wieder auf Bundesebene zusammenzubringen.

Die Idee von Aufstehen von Frau Wagenknecht ist gut. Allerdings wird diese Idee falsch aufgesetzt. Mal sehen, wie es mit der Bewegung weitergeht nach ihrem Rückzug.

Es müsste ein Willy Brandt vom Himmel steigen und eine Bewegung mit den Sozialdemokraten vorneweg in Gang setzen, die alle relevanten sozialen Kräfte des Landes zusammenführt. Aber leider sehe ich keine Figur im derzeitigen politischen Gefüge, die diese Aufgabe übernehmen könnte.

Lassen sie mich zum Schluss noch sagen: Es waren wohl die Erfahrungen von zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise und dem unendlichen Leid, das sowohl die Politiker und die Wirtschaftslenker dazu brachte, die eigenen Interessen zumindest partiell hinten anzustellen zugunsten des großen Ganzen, dem „nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur“ nach dem 2. Weltkrieg.

Die nachfolgenden Generationen sind seit den späten 1970er Jahren zunehmend anders geprägt.

F: War das jetzt ein Schwanengesang auf die SPD?

A: Nein. Es macht mich nur unendlich traurig, dass die SPD unter anderem in Bayern in Umfragen nur noch auf sechs Prozent kommt. Ich mag gar nicht an den Herbst denken. In den drei ostdeutschen Bundesländern könnte es eine Katastrophe für die SPD geben. Es ist so schade, dass die Menschen nicht erkennen, dass es nur die Linke ist, in deren Zentrum die SPD steht, die für die Masse der Bürger soziale Politik machen wird.

F: Dann war dieses ausgedehnte Interview mit Ihnen doch so etwas wie eine  „Traueranzeige“ auf die alte SPD?

A: Nein, das sollte es nicht sein. Meine Gedanken verbinde ich mit der Hoffnung, dass die SPD wieder „aufsteht“ und zu neuem Glanz erblüht wie in den 1970er Jahren. Doch eines ist dabei auch klar: Die Diktatur des Mittelmaßes wird dieses nicht schaffen. Ich weiß, man soll keine Ferndiagnosen als Psychotherapeut machen. Aber wir dürfen nicht aufgeben und müssen weiter kämpfen.

Als Hamburger Karteileiche der SPD versuche ich dazu beizutragen. 

ENDE



Kommentare (1)


Petra April 11, 2019 um 18:26

Super Artikel! !Kann ich nur unterstreichen!

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